Segelwolf aus dem Wasser gerettet!


Aus dem Wasser gerettet heißt gottseidank nicht aus Gefahr gerettet – aber die Überschrift gefiel mir halt gut Zwinkerndes Smiley.

Ich habe während der der Hanseboot 2015 in Hamburg einige Tage auf dem Stand der Segelschule Well Sailing und beteiligte mich an Vorführungen unter dem Titel Zurück an Bord, bei denen es täglich um etwas ging, das mich als professionellen Skipper immer wieder bewegt: Wenn denn einer “in den Bach” fällt: Wie bekomme ich den wieder an Bord?

Es ist ja eine bekannte Tatsache, dass genau dieser Punkt in der seglerischen Führerscheinausbildung viel zu kurz kommt oder sogar überhaupt nicht behandelt wird. Richard Jeske von Well Sailing ist in der Szene bekannt dafür, sich ganz besonders mit Sicherheitsthemen zu beschäftigen. In vielen Vorträgen auf den großen Bootsmessen in Deutschland macht er Segler mit Lösungen für dieses Problem vertraut.

Meine Aufgabe war es, mich als “Opfer” zur Verfügung zu stellen, um am lebenden Modell Möglichkeiten aufzuzeigen, einen über Bord geqangenen Menschen zurück an Bord zu holen.

Dazu musste ich mich erst einmal lebensecht bekleiden:

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Weil das Wasser in den ersten Tagen der Messe nur 12 Grad hatte, trug ich unter dem schweren Ölzeug auch noch einen Neoprenanzug. Ihr könnt Euch vorstellen, dass eine Weile dauerte, bis ich mich in alles hineingezwängt hatte.

Auf der “Boot” in Düsseldorf hatte ich mir Anfang des Jahres eine neue Crewsaver Rettungsweste gekauft. Wie praktisch, dass ich hier dasselbe Modell trug, und mir so das Austesten meiner eigenen Weste im Wasser sparen konnte Flirten - Mann

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Zu Beginn wurde Richard von der Moderatorin zu Sicherheitsthemen, u.a. das ständige Tragen von Rettungswesten usw. interviewt.

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Zu diesem Zeitpunkt schwitze ich meistens noch mörderisch, weil ich für außerhalb des Wassers und unter dem Scheinwerfern natürlich viel zu dick angezogen war.

Als nächstes wurde ein Freiwilliger oder eine Freiwillige gesucht, um mich zu “retten”. Meistens hatten wir dafür eine Frau, um zu zeigen, dass das auch mit einem schweren Kerl wie mir funktioniert, aber am Tag, als wir diese Fotos machten, stellte sich ein Schweizer Besucher zur Verfügung.

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Ja, und dann ging’s los. Im ersten Schritt wurde gezeigt, wie und wie schnell eine Automatik-Rettungsweste sich im Wasser öffnet. Also nahm ich Anlauf…

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…und sprang ins Wasser…

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Wie man sieht,macht der Segelwolf ganz schön Wellen.

Rettungswesten sollen ja ohnmachtssicher sein (der Klassiker: Segler bekommt Großbaum an den Kopf). Also sorgen sie dafür, dass man in stabiler Rückenlage bleibt und immer der Kopf ausreichend aus dem Wasser schaut. Auf den nächsten beiden Bildern kann man gut erkennen, dass bei einer solchen Weste sich beide Hälften nacheinander aufblasen, und so den ins Wasser gefallenen auf jeden Fall auf den Rücken drehen ( ich war – was man bei dem Platsch nicht sieht -  nämlich mit dem Gesicht nach unten hineingesprungen).

Erst eine Hälfte…

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dann die andere Hälfte.

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Als nächstes klappte ich dann noch die Sprayschutzhaube vor, die das Gesicht vor Gischt schützen soll. Man sieht auch gut den AIS-Notsender, den man als Zubehör in die Weste einbauen kann, und der sich in einem solchen Notfall automatisch auslöst und per Funk ein AIS-Notsignal an alle Empfänger und Plotter sendet, die in Reichweite sind.

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Ja –und dann fing Richard an zu erzählen und zu erzählen und ich lag dann so im Wasser vor mich hin und wartete und wartete, bis es endlich weiterging.

 

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Als erstes demonstrierten wir eine Methode des An-Bord-Holens, wenn der ins Wasser gefallene noch mithelfen kann: Die Wurfleine in Verbindung mit einem Fall oder mit einer speziellen Talje, einem Flaschenzug.

Eine solche Wurfleine in ihrem kleinen Säckchen kostet nicht viel und kan kann sich einfach an der Heckreling befestigen. Es gibt Versionen mit 10 und mit 20 Meter Leine. Wir verwendeten hier die lange Wurfleine.

Richard erklärt dem Publikum und unserem Helfer, wie das ganze funktioniert und dann wird geworfen. Ich habe mich dann zu der Leine hingehangelt und sie mir mit einem Karabinerhaken um die Brust gebunden.

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Hier sieht man das schwimmende Endstück der Leine, an dem der Gurt mit dem Karabinerhaken hängt, den sich der zu rettende um die Brust bindet. Damit wird erst einmal eine Verbindung zum Badenden geschaffen (was grundsätzlich immer erst einmal das Wichtigste ist -  nur wen man am Haken hat, den kann man schließlich auch retten).

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Unser Schweizer konnte mich dann zum Steg bzw. zum Boot ziehen, von wo ich dann an Bord geholt werden konnte.

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Dann wurde die Talje an dem verstärkten Ende der Wurfleine befestigt. Man kann natürlich auch ein Fall, z.B. das Spinnakerfall nehmen und den “Wasserfall” damit hochkurbeln. So eine spezialisierte Talje zwischen Rettungsapparat und Fall hat aber durchaus Vorteile: Der wichtigste von allen: Man kann sich dort hinstellen, wo man die Person aus dem Wasser holt. Muss man das Fall mit einer Winsch im Cockpit bedienen, sieht man im schlimmsten Fall den außenbords gegangenen überhaupt nicht. Außerdem ist die Talje sechsfach übersetzt. Deshalb konnten mich an den anderen Tagen auch Mädels locker an Bord hieven.

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So, damit war ich dann zum ersten Mal gerettet und konnte mir die Rettungsleine wieder vom Bauch montieren.

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Hier kann man sehr gut sehen, was alles passiert, wenn man in voller Montur ins Wasser fällt: Achtet mal auf das Wasser, das mir aus dem Ärmel der Öljacke läuft. Wenn ich mein Gewicht, die Klamotten, die Rettungsweste und das ganze Wasser in der Kleidung zusammenrechne, dürfte ich dergestalt als Gesamtkunstwerk bestimmt 140 – 150 Kilogramm gewogen haben. Nicht leicht, so ein Gewicht aus dem Wasser zu bekommen.

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Damit war dann die erste Vorführung abgeschlossen und ich stieg für den zweiten Anlauf wieder ins Wasser

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Wem diese Rettungsweste riesig vorkommt, der hat Recht! Nirmalerweise sind die auch etwas kleiner. Es handelt sich hierbei um ein für das Volvo Ocean Race mit dem Abu Dhabi Racong Team entwickelte Hochsee-Weste mit 290 NM Auftrieb – für “Otto-Normal-Segler” reichen

Werte zwischen 150 und  180 NM völlig aus. Wenige von uns werden schließlich bei Windstärke zehn bei Kap Horn ins Wasser fallen.

Ich zweiten Durchgang geht es darum, jemanden aus dem Wasser zu fischen, der selbst eigentlich nicht mehr mithelfen kann.

Auch hier geht es zunächst darum, überhaupt einmal eine Verbindung mit dem über Bord gefallenen herzustellen. Das ist gar nicht so einfach, wenn die Bordwand hoch ist und derjenige nicht mehr mithelfen kann. Eine einfache und interessante Möglichkeit besteht z.B. aus einem billigen ummantelten Stahlseil mit einem Auge am Ende. Mit diesem Auge kann man eine Schlinge machen, die im Wasser offen bleibt.

Mit dieser Schlinge kann man dann seinen Kandidaten auch aus größerer Höhe einigermaßen gut angeln und hat ihn dann erst einmal fest und sicher.

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Als nächstes wird dann an den Relingsstützen ein Rettungsnetz montiert. Das vordere Ende wird dann wieder an ein Fall bzw. an die dazwischen montierte Talje befestigt und es entsteht eine Öffnung, in die man den Gewasserten dann hineinziehen kann.

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Danach kann man dann Netz mitsamt der Figur hochziehen und an Deck holen. Da ich ja “toter Mann” gespielt und überhaupt nicht mitgeholfen habe, sieht das dann so aus:

 

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Wenn man es geschickt anstellt, könnte man mich nicht nur einfach ablegen, sondern bis ins Cockpit hieven oder zur Not sogar noch den Niedergang hinunter bis in den Salon. Ganz entscheidend ist nur, dass das waagerecht geschieht. Nach neueren Erkenntnissen dürfen Unterkühlte auf keinen Fall senkrecht aus dem Wasser geholt werden, da dies zum plötzlichen Herztod führen kann.

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Damit war dann meine Mitwirkung an der Vorführung beendet.

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Danach musste ich erst einmal abtropfen, bevor ich in die Katakomben der Messehalle verschwand um mich unzuziehen.

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Zum Abschluss gibt’s noch mal ein Bild einer aufgeblasenen großen Rettungsweste, bevor sie getrocknet und wieder zusammengelegt wird, um für den nächsten Rettungseinsatz wieder bereit zu sein.

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Spaß hat’s gemacht, lehrreich war’s für mich und andere. Da ich auch mal die andere Seite gemacht und jemand anders aus dem Wasser gezogen habe, konnte ich auch Übung im Anwenden dieser Rettungsmittel  bekommen und das, was ich Euch vor einem guten halben Jahr im ISAF-Sicherheitskurs vorgestellt habe, noch vertiefen und auffrischen.

Wer sich für diese Dinge noch mehr interessier, findet z.B. hier weitere Informationen.

Eigentlich hätte ich jetzt sagen müssen, das war’s für dies Jahr. Jetzt ist mir aber doch noch ein zusätzlicher Auftrag ins Haus geflogen. Im Dezember bin ich für drei Wochen nochmal auf Gran Canaria. Wer also Zeit und Lust hat, eine Woche schönstes Kanarensegeln auf einer neuen Bavaria 50 zu machen, melde sich bei mir.

Ansonsten geht es weiter im nächsten Jahr.

So stay tuned!

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Autor: segelwolf

Als professioneller Skipper habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Neben anderen Aufgaben ermögliche ich auf Mitsegeltörns vielen Segelneulingen, aber auch alten Hasen, die Schönheit des Lebens mit der Natur auf einer Segelyacht zu genießen.

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