Favignana – die Thunfisch-Insel


Gestern waren wir auf den Ägadischen Inseln an der Westküste Sardiniens. Die größte ist Favignana, die eine ganz besondere Geschichte hat.

Wie fast überall im Mittelmeer waren fast alle hier schon da: Punier, Karthager, Phönizier, Griechen, Römer, Araber usw. – wie gehabt. Alle haben sie mehr oder weniger ihre Spuren hinterlassen, von denen man im örtlichen Museum auch genug sieht. Einer, der auch hier war und der Insel den Namen “Ziegeninsel” gab, war Odysseus. Homer ließ ihn von hier auf das Festland fahren, wo er auf die >Zyklopen stieß.

Interessant wird es dann wieder etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wir treffen da auf Signore Florio, einen reichen und einfallsreichen Geschäftsmann aus Palermo. Sr. Florio brachte den Engländern das Thunfischessen bei. Seit vielen Jahrhunderten war es – so wusste er – auf Favignana Brauch, zur Laichzeit der Thunfische diese in große Netze zu treiben und im wahrsten Sinne des Wortes abzuschlachten. Das nannte man “Matanza”.

Besagter Herr Florio kam nun auf die Idee- und hatte auch das Geld dazu – diesen Thunfisch industriell zu verwerten. Dazu baute er zunächst eine Konservendosenfabrikation auf, und experimentierte mit der Haltbarmachung des Thunfischs. Er kochte den Fisch, zerteilte ihn, packte ihn in Dosen ab und erhitzte die Dosen in einem Autoklaven. Mit entsprechender Werbung verkaufte er dann schließlich diesen Thunfisch in Dosen in großen Mengen im Ausland.

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Im Laufe der Jahre wurde diese Produktion immer größer, bis auf Favignana schließlich die größte Fischfabrik der Welt stand – allerdings im wesentlichen nur vier Monate im Jahr in Betrieb – wenn die Fische zu ihren Laichgründen an der Insel vorbei zogen. Die Thunfische wurden durch lange Netze in eine kleine Kammer getrieben und dort in einer Art Massengemetzel (Matanza) getötet. Die dafür verwendeten Fahrzeuge waren außergewöhnlich stabile und große Ruder- und Segelboote – eben Arbeitsgeräte.

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Durch die industrielle Ausweitung des Fangs geriet das jahrhundertealte Gleichgewicht durcheinander, die Thunfische blieben eines Tages aus und die einstmals große Fabrik musste geschlossen werden. Die Nachfahren besagten Herrn Florios – der zum Bau seiner Fabrik im 19.Jahrhundert kurzerhand die ganze Insel gekauft hatte – gaben sie an den italienischen Staat zurück und seitdem ist neben ein bisschen Tuffsteinabbau der Tourismus die Haupteinnahmequelle der ca. 4.000 Einwohner.

Aus der Thunfischfabrik wurde ein liebevoll gepflegtes Museum und die restlichen Utensilien wie Boote, Netzanker usw. gammeln vor sich hin.

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Irgendwann vor 20,30 Jahren begannen dann die letzen Thunfischfischer die “Matanza” als Touristenattraktion wieder aufleben zu lassen. Nun waren aber die großen Thunfische schon so rar geworden, dass man um überhaupt was zu fangen, auch die jungen, kleineren tötete, die man über 900 Jahre lang wieder schwimmen gelassen hatte. Resultat: 2009 musste auch dieser “Touristen-Fischfang” eingestellt werden, weil es keine Fische mehr gab. Und wieder war ein altes im Gleichgewicht befindliches Ökosystem zerstört. Immer wieder produziert die Dummheit und Geldgier der Menschen solche Naturdramen, bis von unser aller Herrlichkeit hier nichts mehr übrig ist. Irgendwann schüttelt sich dann die Erde, wirft die Menschheit ab, und lebt die nächsten Milliarden Jahre friedlich auch ohne Menschen.

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Autor: segelwolf

Als professioneller Skipper habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Neben anderen Aufgaben ermögliche ich auf Mitsegeltörns vielen Segelneulingen, aber auch alten Hasen, die Schönheit des Lebens mit der Natur auf einer Segelyacht zu genießen.

1 Kommentar zu „Favignana – die Thunfisch-Insel“

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